Wissen & Impulse

Alter?! Warum das nicht nur ältere Menschen etwas angeht Die Themen rund ums Alter sind vielfältig und faszinierend. Und: Sie betreffen uns früher oder später alle selbst. Aber auch wenn du noch zur «jungen Generation» gehörst, lohnt sich der Blick darauf. Wer versteht, was ältere Menschen beschäftigt, kann sich besser in Grosi und Grossvater hineinversetzen. Und gleichzeitig entdeckst du vielleicht, was du für dein eigenes Älterwerden mitnehmen möchtest.

Bilder und Wandel


Altersbilder: Welche Bilder tragen wir im Kopf?

Wir alle haben Vorstellungen davon, wie ältere Menschen sind oder sein sollten, und bewerten ihr Verhalten oft unbewusst danach. Diese Altersbilder sind gelernt, unterscheiden sich je nach Zeit und Kultur und lassen sich verändern. Problematisch wird es bei Ageism: der Diskriminierung von Menschen wegen ihres Alters und der Eigenschaften, die man ihnen zuschreibt.


Soziale Veränderungen: Was ändert sich im Alter?

Grosselternwerden, Pensionierung, Trennung, gesundheitliche Einbussen, ein Umzug oder der Tod nahestehender Menschen: Solche Einschnitte nennt man Statuspassagen (nach Wettstein 2016). Jede einzelne verlangt Umorientierung und Anpassung.


Gewinne und Verluste: Geht es nur bergab?
Viele Menschen verbinden das Altern vor allem mit Verlust. Und tatsächlich: Ältere Menschen müssen manches loslassen. Das kann verloren gehen:

  • Gesundheit und Leistungsfähigkeit
  • Mobilität und Selbständigkeit
  • nahestehende Menschen und soziale Kontakte

Trotzdem sind ältere Menschen oft zufrieden mit ihrem Leben. Die Forschung spricht vom Zufriedenheitsparadoxon: Objektive Verluste führen nicht automatisch zu weniger Lebenszufriedenheit. Das kann dazukommen:

  • Lebenserfahrung
  • Freude an den kleinen Dingen
  • mehr freie Zeit
  • mehr Kompetenzen, mit den Anforderungen des Lebens umzugehen

Biografie und Lebensrückblick: Warum ist Erinnern im Alter wichtig?

Wer sich an sein Leben erinnert, ordnet es und findet darin Sinn. Das Erzählen der eigenen Geschichte stärkt die Identität, auch bei Verlusten und Veränderungen. Für Angehörige ist es eine Chance, die Eltern neu kennenzulernen: Frag nach früher, und hör zu.

Sexualität und Intimität im Alter: Ein Tabu?

Das Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit und Sexualität endet nicht mit dem Alter. Darüber zu sprechen fällt trotzdem vielen schwer, auch in Pflegeeinrichtungen. Wichtig sind Respekt vor der Privatsphäre und die Haltung, dass diese Bedürfnisse zum Menschsein gehören.

Gesellschaft und Wissenschaft


Gerontologie: Was weiss die Wissenschaft über das Altern?

Die Gerontologie ist die Wissenschaft des Alters und des Alterns. Sie beschäftigt sich mit den biologischen, medizinischen, psychologischen und sozialen Aspekten.


Geriatrie: Was macht die Altersmedizin besonders?

Die Geriatrie ist die Altersmedizin. Ältere Menschen sind häufig von mehreren Krankheiten betroffen (Multimorbidität). Die Behandlung dieser verschiedenen Erkrankungen ist anspruchsvoll. Fachpersonen der Geriatrie sind in der Lage, diese Komplexität zu berücksichtigen. Beispiel: Medikamente wirken bei älteren Menschen anders als bei jungen. Und auch die Wechselwirkung bei vielen Medikamenten (Polypharmazie) muss berücksichtigt werden.


Geburtskohorten: Warum ticken Generationen verschieden?

Menschen desselben Geburtsjahrgangs machen ähnliche Erfahrungen, etwa gesellschaftliche Stabilität oder Umbrüche. Das prägt Normen, Werte, Rollenbilder und Alltagsgewohnheiten. Homogen sind Kohorten aber nicht: Auch innerhalb eines Jahrgangs gibt es ganz verschiedene Milieus.


Ungleichheit im Alter: Haben alle die gleichen Chancen?

Nein. Ob und wie jemand Hilfe bekommt, hängt von Ressourcen ab:

  • sozial: Angehörige, Nachbarn oder Freunde, die unterstützen oder organisieren
  • finanziell: hohes Einkommen oder Vermögen
  • kulturell: Wissen um Unterstützungsmöglichkeiten und sozialrechtliche Ansprüche

 Auch die Risiken sind ungleich verteilt: Altersarbeitslosigkeit, unfreiwillige Frühpensionierung, Altersarmut, Pflegebedürftigkeit, schlechte Wohnqualität und erschwerter Zugang zu guter Versorgung. Selbst ob jemand krank wird, hängt mit Einkommen, Bildung, Herkunft, Geschlecht und Migrationserfahrung zusammen.

Hilfe und Selbstbestimmung


Hilfe annehmen: Warum fällt das so schwer? Wer gebrechlicher wird, braucht Unterstützung, gibt damit aber nicht die Selbstbestimmung auf. Trotzdem fällt es vielen schwer, Hilfe anzunehmen: aus dem Wunsch nach Selbständigkeit, weil Hilfebedürftigkeit als Schwäche gilt, aus Angst vor Autonomieverlust oder weil sie niemandem zur Last fallen möchten. In der Schweiz hat die Selbstbestimmung grosses Gewicht, auch wenn jemand Hilfe ablehnt und damit ein gewisses Risiko eingeht. Angehörige und Beratende dürfen trotzdem sagen, was sie wahrnehmen und wo sie an ihre Grenzen kommen. Oft hilft die Frage: Was steckt hinter dem Nein?


Unterstützungsangebote: Welche Hilfe gibt es?

Die Angebote zur Entlastung und Unterstützung älterer Menschen sind von Kanton zu Kanton verschieden. Die Pro Senectute, die grösste Organisation der Schweiz im Bereich Alter, ist aber in jedem Kanton vertreten. Auch das Schweizerische Rote Kreuz ist eine gute Adresse. Diese Hilfen gibt es konkret:

Im Alltag

  • Mahlzeitendienst
  • Haushaltshilfe
  • Einkaufshilfe
  • Fahrdienste
  • Plaudertelefon

Beratung

  • Allgemeine Beratung
  • Demenz-Beratung
  • Wohnberatung
  • Administrative Unterstützung (z. B. bei Formularen und Anträgen)
  • Freiwillige Beistandschaft

Pflege und Betreuung

  • Psychiatrische Pflege
  • Tagesstätten
  • Entlastungsdienst
  • Besuchsdienst

Technik und Hilfsmittel

  • Hilfsmittel (z. B. Rollator, Badewannenlift)
  • Altersgerechte Assistenzsysteme (AAL, «Ambient Assisted Living»), z. B. Sturzsensoren oder Notrufsysteme


Finanzierung von Hilfsangeboten: Wer zahlt was?

Viele Beratungsangebote sind kostenlos, zum Beispiel bei den Sozialdiensten und der Pro Senectute. Bei anderen Unterstützungsangeboten können verschiedene Stellen einen Teil der Kosten übernehmen:

  • Ergänzungsleistungen (EL): z. B. für Haushaltshilfe, Ferienbett, Pflegeheim und Fahrdienst
  • Zusatzversicherungen (je nach Vertrag): z. B. für Haushaltshilfe
  • Krankenkasse: z. B. für einen medizinisch notwendigen Fahrdienst und manche Hilfsmittel
  • AHV: für manche Hilfsmittel
  • Hilflosenentschädigung: Hilfe bei alltäglichen Lebensverrichtungen nötig; unabhängig vom Vermögen

Was im Einzelfall bezahlt wird, hängt von der persönlichen Situation, dem Kanton und den Versicherungsbedingungen ab. Eine Beratung hilft, die richtigen Ansprüche zu klären.


Geld und Vorsorge: Wer entscheidet, wenn ich es nicht mehr kann?

Wer nicht mehr urteilsfähig ist, kann nicht mehr selbst entscheiden. Mit einer Vorsorge lässt sich das frühzeitig regeln: 

  • Vorsorgeauftrag: Du bestimmst, wer dich bei Finanzen, Alltag und Behörden vertritt. Er muss von Hand geschrieben oder öffentlich beurkundet sein.
  • Patientenverfügung: Du hältst fest, welche medizinischen Behandlungen du wünschst oder ablehnst.
  • Erwachsenenschutz: Gibt es keine Vorsorge, kann die Erwachsenenschutzbehörde (KESB) eine Beistandschaft anordnen.

Beratung hierzu findest du bei den unten stehenden Organisationen unter "Empfehlungen". 


Angehörige

Betreuende Angehörige: Wie bleibe ich auf Augenhöhe?

Rund 600'000 Angehörige unterstützen in der Schweiz Familienmitglieder (BAG). Schwierig wird es oft bei unterschiedlichen Sichtweisen zum Hilfebedarf, bei Finanzen, unausgesprochenen Erwartungen auf beiden Seiten, rechtlichen Zuständigkeiten und Überforderung. Dabei ändern sich die Rollen. Manche erwachsene Kinder rutschen unbewusst in eine Elternrolle. Mit filialer Reife bleiben sie dagegen auf Augenhöhe und können ihre Grenzen ohne Schuldgefühle benennen. Hilfreich sind der Austausch mit anderen, das Verteilen von Aufgaben und das Einholen von Beratung.


Selbstfürsorge für Angehörige: Und wer schaut zu mir?

Wer Eltern unterstützt, vergisst leicht die eigenen Bedürfnisse. Dauerhafte Überlastung geht auf Kosten der Gesundheit und der Beziehung. Grenzen zu setzen ist deshalb kein Egoismus: Entlastungsangebote, Austausch mit anderen und eigene Auszeiten helfen, langfristig da sein zu können.


Motive der Hilfe: Warum mache ich das eigentlich?

Erwachsene Kinder helfen ihren Eltern aus ganz verschiedenen Gründen. Oft stehen Liebe und Zuneigung dahinter. Manchmal spielen aber auch Pflichtgefühl, Schuldgefühle oder Erwartungsdruck mit. Welche Motive im Vordergrund stehen, prägt, wie die Unterstützung im Alltag aussieht und wie sie sich anfühlt. Die Philosophin Barbara Bleisch stellt in ihrem Buch «Warum wir unseren Eltern nichts schulden» die These auf, dass Kinder ihren Eltern keine Gegenleistung für das Grossziehen schulden. Wir sind demnach frei zu entscheiden, wie viel und was wir bereit sind zu geben. Das kann zu Enttäuschung und Unverständnis führen, bei den Eltern wie bei den Geschwistern. Sich der eigenen Motive ehrlich bewusst zu werden, ist eine grosse Aufgabe. Sie lohnt sich aber, denn sie hilft, Grenzen zu setzen und Hilfe zu geben, ohne sich zu verbiegen.


Schwierige Gespräche führen: Wie spreche ich das an?

Viele Angehörige zögern, heikle Themen anzusprechen, aus Angst vor Streit oder Kränkung. Es hilft, einen ruhigen Moment zu wählen, von den eigenen Sorgen zu sprechen («Ich mache mir Gedanken, dass …») und nachzufragen, was den Eltern wichtig ist. Ein Gespräch muss nicht alles klären: Oft ist der erste Schritt, das Thema überhaupt zu öffnen.

Lebensende und Sinn


Palliative Care: Was hilft am Lebensende?

Palliative Care begleitet Menschen mit einer unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung. Sie beginnt oft schon lange vor der Sterbephase. Im Mittelpunkt steht die Lebensqualität: Es werden körperliche, psychische, soziale und spirituelle Bedürfnisse berücksichtigt, auch die der Angehörigen. Häufig wird gemeinsam ein palliativer Behandlungsplan erstellt. Darin steht zum Beispiel, welche Behandlungen gewünscht sind und was den Betroffenen besonders wichtig ist.


Sterben und Spiritualität: Was trägt am Lebensende?

Am Lebensende rücken Fragen nach Sinn, Glauben und Versöhnung oft in den Vordergrund, auch bei Menschen, die nicht religiös sind. Spiritualität kann ein Gebet sein, aber auch Musik, Natur, ein Gespräch oder ein Ritual. Zuhören und Dasein sind oft wichtiger als Antworten.


Trauer und Abschied: Wie gehe ich damit um?

Trauer beginnt oft schon vor dem Tod, wenn ein Mensch sich verändert, etwa durch Demenz. Sie verläuft bei jedem anders und braucht Zeit. Rituale, Erinnerungen und Gespräche helfen. Auch Schreiben kann Halt geben: ein Brief an den Menschen, den man verabschiedet.

Eine Trauerbegleitung kann eine hilfreiche Unterstützuing in diesem Prozess sein. 


Sonstiges

Reflexion: Wie möchte ich älter werden?

Im Leben und im Alter lässt sich nicht alles kontrollieren. Und doch kannst du dir Gedanken machen, was dir wichtig sein wird: Möglichst grosse Autonomie? Oder zählt für dich die Sicherheit mehr? Vielleicht beides, je nach Lebensphase. Es hilft, sich damit schon auseinanderzusetzen, bevor man Hilfe braucht, und die Menschen, die einem nahestehen, über die eigenen Vorstellungen zu informieren. So müssen sie später nicht raten.


Empfehlungen 

Unterstützungsangebote:

Podcasts:

Suchen